Unbequeme Wahrheiten im Vortrag – Warum du als Experte Haltung zeigen musst

Unbequeme Wahrheiten im Vortrag: Warum du als Experte Haltung zeigen musst

Fast wäre ich einmal von der Bühne gezogen und aus der Location geworfen worden. Nicht, weil ich jemanden beleidigt hätte. Nicht, weil ich mich im Ton vergriffen hätte. Und auch nicht, weil mein Vortrag schlecht gewesen wäre. Sondern weil ich etwas gesagt hatte, das meinem Auftraggeber nicht gefallen hat. Das Problem dabei: Es war genau das, wovon ich fachlich überzeugt war. Es entsprach meiner Haltung, meiner Expertise und dem, was im Vorfeld des Vortrags sogar inhaltlich besprochen worden war.

Und genau an diesem Punkt wird es für dich als Unternehmer, Führungskraft oder Experte interessant. Denn was machst du, wenn du für einen Vortrag eingeladen wirst, deine Expertise zeigen sollst und dann feststellst, dass die Wahrheit, die du vertrittst, plötzlich unbequem wird? Passt du dich an? Schwächst du deine Aussage ab? Oder bleibst du bei deiner Position?

Wenn die Wahrheit plötzlich unbequem wird

Vor einiger Zeit wurde ich von einem großen Unternehmen eingeladen, einen Vortrag vor rund 90 Auszubildenden zu halten. Das Unternehmen veranstaltete eine mehrtägige Einführungswoche für seine neuen Auszubildenden aus ganz Deutschland. Es gab Workshops, Gemeinschaftsveranstaltungen und Impulsvorträge. Einer dieser Programmpunkte war mein Vortrag zum Thema souveräne und wertschätzende Kommunikation. Wie bei solchen Aufträgen üblich, wurden die Inhalte vorher abgestimmt.

Was ist dem Unternehmen wichtig?

Welche Werte sollen vermittelt werden?

Was sollen die Teilnehmer aus dem Vortrag mitnehmen?

Ein zentraler Aspekt war die Frage, wie eine moderne Kommunikationskultur im Unternehmen aussehen kann. Wie können hierarchische Strukturen respektiert werden, ohne dass Kommunikation einseitig von oben nach unten funktioniert? Wie können gerade junge Mitarbeiter und Auszubildende lernen, ihre Meinung zu äußern, Probleme anzusprechen und auch gegenüber hierarchisch höhergestellten Personen Grenzen zu setzen? Genau darüber habe ich gesprochen. Und plötzlich wurde es unruhig.

Was passiert, wenn der Auftraggeber deine Botschaft nicht hören will?

Während meines Vortrags bemerkte ich, wie einer der Verantwortlichen hinter dem Publikum zunehmend nervös wurde. Er lief hin und her. Seine Körpersprache veränderte sich. Und mir wurde ziemlich schnell klar: Das, was ich gerade sagte, gefiel ihm nicht. Offenbar sollte das Unternehmen modern wirken. Die Auszubildenden sollten das Gefühl bekommen, dass ihre Meinung gehört wird. Aber vielleicht doch nicht ganz so sehr. Denn meine Botschaft war eindeutig:

Wenn eine Führungskraft einen Mitarbeiter respektlos, abwertend, beleidigend oder auf andere Weise unangemessen behandelt, dann ist es völlig legitim, dieses Verhalten anzusprechen und Grenzen zu setzen.

Respekt ist keine Frage der Hierarchie. Nach dem Vortrag bekam ich zwei völlig unterschiedliche Reaktionen. Viele Auszubildende waren begeistert. Einige schrieben mir noch Tage später über Social Media und bedankten sich für den Vortrag und die klare Botschaft. Mein Auftraggeber sah die Sache offenbar anders. Er gab mir nach dem Vortrag nur kurz die Hand und verschwand. Später erfuhr ich von seiner Assistentin, dass er so erbost über meine Aussagen gewesen war, dass er mich am liebsten von der Bühne geholt hätte.

Als Experte brauchst du eine klare Haltung

Diese Geschichte zeigt ein grundsätzliches Problem, das dir begegnen kann, wenn du dich durch Vorträge als Experte positionierst. Du wirst eingeladen, weil du etwas weißt. Weil du Erfahrung hast. Weil du dich über Jahre mit einem Thema beschäftigt hast. Weil du eine Perspektive vertrittst, die für andere Menschen wertvoll ist. Und dann erwartet jemand von dir, dass du genau diese Perspektive veränderst, abschwächst oder anpasst, sobald sie (für ihn) unbequem wird. An dieser Stelle musst du eine Entscheidung treffen. Wie weit bist du bereit, dich auf die Erwartungen eines Auftraggebers einzulassen? Und wo beginnt der Punkt, an dem du deine eigene Haltung aufgibst?

Natürlich solltest du einen Vortrag auf dein Publikum, den Anlass und die Zielsetzung der Veranstaltung abstimmen. Das gehört zu professioneller Vorbereitung. Aber Anpassung hat Grenzen. Spätestens dann, wenn du etwas sagen sollst, das deiner fachlichen Überzeugung oder deinen persönlichen Werten widerspricht, solltest du sehr genau überlegen, ob du diesen Auftrag überhaupt annehmen möchtest.

Deine Expertise ist keine beliebige Meinung

Ein Experte zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er jedem Auftraggeber erzählt, was dieser gerne hören möchte. Ein Experte hat eine Position. Er hat Thesen. Er hat Überzeugungen. Und er kann begründen, warum er diese Position vertritt.

Natürlich bedeutet das nicht, dass du unbelehrbar sein sollst. Neue Erkenntnisse können deine Meinung verändern. Wissenschaftliche Erkenntnisse können bisherige Annahmen widerlegen. Erfahrungen können dazu führen, dass du bestimmte Dinge heute anders bewertest als noch vor einigen Jahren. Aber etwas anderes ist es, deine Überzeugung über Bord zu werfen, nur weil jemand mit mehr Einfluss, Geld oder hierarchischer Macht deine Aussage nicht hören möchte.

Wenn du deine Position sofort relativierst, sobald Gegenwind entsteht, beschädigst du deinen Expertenstatus.

Denn warum sollte dein Publikum dir glauben, wenn du selbst nicht bereit bist, für deine Aussagen einzustehen?

Kläre vor deinem Vortrag die Erwartungen

Viele Konflikte lassen sich bereits vor einem Vortrag vermeiden. Deswegen solltest du mit deinem Auftraggeber möglichst genau besprechen, welche Zielsetzung mit deinem Vortrag verbunden ist.

Was soll vermittelt werden?

Welche Botschaft soll beim Publikum ankommen? Welche Werte vertritt das Unternehmen oder die Veranstaltung?

Welche Themen sind besonders wichtig?

Und vor allem:

Passt diese Zielsetzung überhaupt zu deiner eigenen Haltung?

Wenn du bereits im Vorgespräch feststellst, dass du Aussagen vertreten sollst, hinter denen du nicht stehen kannst, dann solltest du den Auftrag ablehnen. Das ist kein Verlust. Es ist professionelle Positionierung.

Nicht jede Bühne ist deine Bühne.

Und nicht jeder Auftraggeber passt zu dir.

Zeige bereits vor dem Vortrag, wofür du stehst

Je klarer du dich als Experte positionierst, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Auftraggeber später von deinen Aussagen überrascht werden. Deswegen solltest du nicht erst auf der Bühne zeigen, welche Position du vertrittst. Kommuniziere deine Haltung bereits vorher. Auf deiner Website. In deinen Blogartikeln. Auf LinkedIn. In Interviews. In Podcasts. In Videos. Menschen sollten wissen, wofür du stehst. Aber genauso sollten sie wissen, wogegen du stehst. Denn eine starke Positionierung bedeutet immer auch Abgrenzung. Wenn du versuchst, es allen recht zu machen, wirst du austauschbar.

Ein Experte ohne Haltung ist lediglich ein Lieferant von Informationen.

Was du nach einem Konflikt nicht tun solltest

Angenommen, du hast einen Vortrag gehalten und dein Auftraggeber ist mit deiner Aussage nicht zufrieden. Was solltest du jetzt tun? Vor allem solltest du nicht sofort in eine Rechtfertigungs- oder Verteidigungshaltung gehen. Du kannst erklären, warum du deine Position vertrittst. Du kannst deine Argumente darlegen. Du kannst Missverständnisse klären. Aber du solltest deine fachliche Überzeugung nicht allein deshalb zurücknehmen, weil jemand verärgert ist. Denn in dem Moment beschädigst du genau das, weshalb du ursprünglich eingeladen wurdest: deinen Expertenstatus. Wer jahrelang Erfahrung gesammelt, sich intensiv mit einem Thema beschäftigt und daraus eine fundierte Position entwickelt hat, sollte bereit sein, diese Position auch bei Gegenwind zu vertreten.

Der Spiegel-Test für deine Botschaft

Es gibt eine einfache Möglichkeit, mit der du überprüfen kannst, ob du wirklich hinter der Botschaft deines Vortrags stehst. Stell dich vor einen Spiegel. Schau dir selbst in die Augen. Und fasse die zentrale Botschaft deines Vortrags in ein oder zwei Sätzen zusammen. Was ist die Kernaussage? Was sollen die Menschen nach deinem Vortrag verstanden haben? Was ist die eine Botschaft, die du deinem Publikum mitgeben möchtest? Und dann stell dir eine einfache Frage:

Kann ich wirklich hinter dieser Aussage stehen?

Nicht nur vor meinem Publikum. Nicht nur gegenüber meinem Auftraggeber. Sondern auch vor mir selbst. Wenn die Antwort Nein lautet, dann solltest du deinen Vortrag überarbeiten. Wenn du dagegen klar sagen kannst: Ja, genau dafür stehe ich, dann hast du eine solide Grundlage. Und genau diese Botschaft solltest du vor deinem Vortrag auch mit deinem Auftraggeber abstimmen. So wissen beide Seiten, worauf sie sich einlassen.

Nicht jede Bühne ist deine Bühne

Natürlich möchtest du als Unternehmer oder Experte möglichst viele Möglichkeiten nutzen, dich öffentlich zu zeigen. Vorträge können dir helfen, deinen Expertenstatus auszubauen, deine Personal Brand zu stärken und neue Kunden auf dich aufmerksam zu machen. Aber nicht jede Gelegenheit ist automatisch eine gute Gelegenheit. Wenn eine Veranstaltung oder ein Auftraggeber erwartet, dass du deine Überzeugungen verbiegst, dann passt diese Bühne möglicherweise einfach nicht zu dir.

Das ist völlig in Ordnung. Denn langfristig ist eine klare Positionierung wertvoller als ein einzelner Vortrag. Menschen erinnern sich an Experten, die eine Haltung haben. Sie erinnern sich an Persönlichkeiten, die bereit sind, für ihre Aussagen einzustehen. Und sie erinnern sich an Menschen, die auch dann bei ihrer Position bleiben, wenn es unbequem wird. Und so wie diese Menschen keinen Experten brauchen, dessen Meinung ein Fähnchen im Wind ist, brauchst du keine Bühne, auf der du dich verbiegen musst.

Du brauchst eine Bühne, auf der du mit deiner Expertise, deiner Persönlichkeit und deiner Haltung überzeugen kannst.

Wenn dich das ausführliche Video zu diesem Thema interessiert, findest du es direkt unter diesem Artikel.