Durch Hingabe zum Rampenpfau

„… und als er ihre bebenden Schenkel berührte und mit seinen starken Händen durch ihr Haar fuhr, legte sie seufzend ihren Kopf in den Nacken und gab sich ihm ganz hin.“

Wenn Du wie ich schon mal im Supermarkt an der Kasse gewartet hast, weil es mal wieder jemand „passend“ hatte, dann hast Du vielleicht auch schon mal die Zeitschriftenabteilung an der Kasse durchstöbert. Ist ja auch praktisch, bis man dran ist, hat man alle interessanten Artikel gelesen und kann das Altpapier gleich da lassen. Tja, und weil lesen ja bekanntlich bildet, habe ich letztens mal geschaut, was die Groschenroman-Fachabteilung so alles zu bieten hat.

Erste Feststellung: Die Hälfte der Cover sieht aus wie die „Vom Winde verweht“-DVD, die ich mal meiner Oma geschenkt habe.

Zweite Feststellung: Die Titel haben zum Teil so eine (vermutlich unfreiwillige) Komik, dass deutsche Liebeskomödien dagegen wie Arthouse-Filme wirken (z. B. sowas wie „Ich liebe den Vater meiner Tochter“).

Dritte Feststellung: Wenn man die literarische Büchse der Pandora öffnet, hat man eine tolle Möglichkeit, sein Lampenfieber zu desensibilisieren, indem man ein paar Zeilen aus dem Buch vor den anderen Kunden rezitiert (Achtung: Anwendung auf eigene Gefahr. Ich übernehme keine Haftung bei Hausverbot und / oder Körperverletzung.).

Ich persönlich habe ja mal zwischen Sauerkraut- und Thunfischdosen mit voller Hingabe Scarlett O’Haras Hunger-Monolog vorgetragen (ich hatte mir die „Vom Winde verweht“-DVD vor dem Verschenken auch selbst angesehen) und dafür reichlich Aufmerksamkeit bekommen. Ein Wunder, dass das Video der Überwachungskamera nie bei Stefan Raab gelandet ist.

„Mit voller Hingabe…“ – Was bedeutet das eigentlich? Ist das die selbe Hingabe wie aus „Fegefeuer der Leidenschaft“, Band drölfzehn? Was bedeutet eigentlich Hingabe? Und was hat das mit Lampenfieber und authentischem Auftreten zu tun? Zunächst mal so viel: Einiges.

Hingabe bezieht sich im Allgemeinen auf eine Tätigkeit, die unter vollem Einsatz und voller Begeisterung durchgeführt wird. Dabei wird zum Teil auch das Maß der Vernunft überschritten und der Tätigkeit höchste Priorität eingeräumt. Wenn ich mich jemandem oder etwas hingebe, heißt das, dass mir in diesem Moment alles andere nicht so wichtig ist wie diese eine Sache, und dass ich auch bereit bin, dafür Opfer zu bringen. Zum Beispiel das Opfer, im Supermarkt aufzufallen (vielleicht erinnerst Du Dich an einen der ersten Blogartikel, darin habe ich mich mit dem Thema Auffallen beschäftigt). Oder das Opfer bisher Gelerntes in Frage zu stellen und mich auf etwas Neues einzulassen.

Gestern Abend war ich auf einem Vortrag über Orgasmische Meditation. Bei selbiger man lernt, seinen Körper und seine Wünsche noch intensiver zu spüren und besser mit seinem Gegenüber kommunizieren zu können. Sehr interessantes Thema, vielleicht werde ich bei Gelegenheit noch etwas mehr darüber schreiben (Edit: Habe ich inzwischen getan.), da es sich auch sehr gut mit meinen Methoden verknüpfen lässt. Auch hierbei geht es um Hingabe, sich der Situation und dem Gefühl hinzugeben und die Kontrolle abzugeben (über Kontrolle haben wir ja im letzten Blogartikel gesprochen). Ich will ehrlich zu Dir sein, diese Form der Hingabe sieht nicht ganz so weichgezeichnet aus wie die aus den Groschenromanen. Sie ist ehrlicher, direkter und meistens auch ohne Strumpfband, dafür ist sie auch echter.

[Tweet „Hingabe ist auch eine Gabe.“]

Sieh Dir den Fischer oben auf dem Bild an. Mit welcher Hingabe er sich dem Flicken seines Netzes widmet. Kein Multitasking, nicht nebenher noch telefonieren, Facebook checken oder irgendein kaffeeartiges Zuckerzeug aus Pappbechern runterstürzen. Hingabe ist Konzentration, auf eine Sache in einem Moment. Ihm ist es egal, wie er dabei aussieht, wer ihn beobachtet, wer gerade sein Frühstück twittert und ob in China ein Sack Reis umfällt. Er ist ganz bei sich im Hier und Jetzt. Wie in einer Meditation.

Wenn Du diese Gedanken jetzt auf einen Kontext überträgst, in dem Du auftrittst, es also auch wichtig ist, dass Du mit Deinem Publikum in Kontakt bist, fragst Du Dich vielleicht, wie das gehen soll, gleichzeitig völlig bei Dir zu sein und dabei Dein Publikum nicht zu vergessen. Ich will Dir was verraten, dass Du in Dir ruhst, ist sogar die Grundvoraussetzung dafür, dass Du Dein Publikum überhaupt wahrnehmen und Dich ihm hingeben kannst. Denn wenn Du in Dir ruhst, brauchst Du Dich nicht mehr auf Dich zu konzentrieren, wenn Du Dir selbst vertraust, kannst Du Deine Aufmerksamkeit uneingeschränkt anderen Dingen zuwenden.

Es ist wie beim Autofahren. Da denkst Du ja auch nicht mehr darüber nach, was es alles zu beachten gibt, welche Schalter, Hebel und Pedale Du wann und wie bedienst und was die vielen lustigen Symbole auf den Schildern am Straßenrand bedeuten. Alles läuft ganz entspannt und automatisch ab und vertraust Dir, weil Du weisst, dass Du das kannst. Du gibst Dich der Sache einfach hin und fährst los.

Hingabe ist auch eine Gabe. Eine Gabe, die man lernen kann. Und eine Gabe, die man geben kann. Die Grundvoraussetzung dafür ist Vertrauen. Dir selbst und Deinem Gegenüber. Tja, und auch das kann man lernen. Schaffst Du nicht allein, sagst Du? OK, dann melde Dich bei mir, und wir gehen das gemeinsam an!

Bildquelle: Pixabay

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